An den Finanzmärkten wird viel prognostiziert. Wo stehen die Zinsen in einem Jahr? Welche Aktien werden die Gewinner von morgen sein? Und welcher Fondsmanager hat diesmal den richtigen Riecher? Die ernüchternde Erkenntnis aus Jahrzehnten Kapitalmarktforschung: Treffsichere Prognosen sind selten – und dauerhaft erfolgreiche Prognostiker noch seltener.
Dabei gibt es einen anderen Weg. Einen, der weniger auf Intuition und mehr auf überprüfbare Regeln setzt: das sogenannte Faktorinvesting. Große Staatsfonds und institutionelle Investoren nutzen diesen Ansatz seit Jahren. Für österreichische Privatstiftungen könnte es sich lohnen, genauer hinzusehen.
Fünf Faktoren statt tausend Prognosen
Die Grundidee ist bestechend einfach: Nicht die vermeintlich beste Aktie von morgen wird gesucht, sondern jene Eigenschaften einer Aktie, die über lange Zeiträume mit höheren oder stabileren Erträgen verbunden waren. Die Kapitalmarktforschung hat dabei fünf besonders relevante Faktoren identifiziert:
Value – Qualität muss nicht teuer sein: Hier stehen Unternehmen im Mittelpunkt, deren Aktien gemessen an Gewinnen oder Buchwert günstig bewertet sind. Nicht immer die Lieblinge der Börse, langfristig aber häufig lohnende Investments (Fama und French, 1992).
Quality – solide schlägt spektakulär: Unternehmen mit hoher Profitabilität, stabilen Gewinnen und überschaubarer Verschuldung haben einen entscheidenden Vorteil: Sie können auch dann überzeugen, wenn es an den Märkten ungemütlich wird (Asness, Frazzini und Pedersen, 2019).
Momentum – die Börse hat ein Gedächtnis: Aktien, die sich in den vergangenen Monaten besonders gut entwickelt haben, setzen ihren Erfolg häufig noch eine Zeit lang fort. Was zunächst nach einer simplen Trendfolge klingt, ist wissenschaftlich gut dokumentiert (Jegadeesh und Titman, 1993; Carhart, 1997).
Low Volatility – weniger Aufregung, mehr Ertrag: An der Börse wird Risiko gerne mit Rendite gleichgesetzt. Doch die Forschung zeigt ein überraschendes Bild: Aktien mit geringeren Kursschwankungen konnten langfristig häufig ähnlich hohe und risikobereinigt sogar höhere Erträge erzielen (Blitz und van Vliet, 2007).
Size – klein, aber oho: Kleinere börsennotierte Unternehmen stehen selten im Rampenlicht großer Indizes. Historisch war ihre geringere Größe unter bestimmten Bedingungen jedoch mit einer zusätzlichen Renditeprämie verbunden (Fama und French, 1992).
Keine Modeerscheinung, sondern Kapitalmarktforschung
Die Finanzbranche ist erfinderisch, wenn es darum geht, alten Ideen neue Namen zu geben. Faktorinvesting gehört allerdings nicht in die Kategorie kurzfristiger Marketingtrends.
Seine wissenschaftlichen Wurzeln reichen Jahrzehnte zurück. Mit Eugene Fama erhielt 2013 einer der prägenden Forscher auf diesem Gebiet den Wirtschaftsnobelpreis. Zahlreiche Untersuchungen dokumentieren Faktorprämien über verschiedene Märkte und teils mehr als ein Jahrhundert hinweg (Baltussen, Swinkels und van Vliet, 2021).
Und die Idee beschränkt sich keineswegs auf Aktien. Auch bei Anleihen lassen sich Merkmale wie Bonität, Bewertung und Laufzeit systematisch in Anlageentscheidungen einbeziehen (Ang, 2014).
Zwischen teurem Fondsmanager und blindem Index
Wer Stiftungsvermögen verwaltet, kennt das klassische Spannungsfeld: Soll man auf das Können eines aktiven Fondsmanagers vertrauen oder möglichst kostengünstig einen Marktindex abbilden?
Beide Wege haben ihre Berechtigung. Aktives Management verspricht gezielte Auswahlentscheidungen, verlangt dafür aber oft Gebühren von 1 bis 2 Prozent jährlich. Ob sich diese Kosten durch einen entsprechenden Mehrertrag rechtfertigen, ist häufig erst im Nachhinein erkennbar – und keineswegs selbstverständlich.
Ein klassischer Indexfonds ist dagegen günstig und transparent. Allerdings übernimmt er den Markt weitgehend so, wie er ist – einschließlich seiner gelegentlichen Übertreibungen.
Faktorinvesting eröffnet nun einen dritten Weg: regelbasiert wie ein Indexfonds, aber mit dem Anspruch, wissenschaftlich dokumentierte Renditequellen gezielt zu nutzen. Und das in der Regel zu deutlich geringeren Kosten als bei traditionellen aktiven Mandaten.
Im Produktangebot begegnet man solchen Strategien häufig unter dem Begriff „Smart Beta“. Hinter dem modernen Etikett steckt im Idealfall ein erstaunlich nüchternes Konzept.
Gute Gründe für einen genaueren Blick
1. Lieber belastbare Regeln als brillante Vorhersagen. Faktorstrategien machen den Anlageerfolg weniger abhängig vom vermeintlichen Gespür einzelner Personen. Entscheidend sind nachvollziehbare Kriterien statt wechselnder Marktmeinungen.
2. Kosten sind sicher, Mehrerträge nicht. Jeder eingesparte Basispunkt an Gebühren kommt dem Stiftungsvermögen zugute. Regelbasierte Strategien können hier einen strukturellen Vorteil bieten.
3. Nicht alles auf einen Faktor setzen. Value, Quality oder Momentum entwickeln sich nicht immer im Gleichschritt. Ihre Kombination kann helfen, das Portfolio robuster aufzustellen (Asness, Moskowitz und Pedersen, 2013).
4. Nachvollziehbarkeit ist kein Luxus. Stiftungsvorstände müssen Anlageentscheidungen nicht nur treffen, sondern auch begründen können. Klare Regeln erleichtern Kontrolle, Dokumentation und Kommunikation.
5. Disziplin schlägt Bauchgefühl. Gerade in turbulenten Marktphasen ist die Versuchung groß, überstürzt zu handeln. Ein konsequent umgesetztes Regelwerk kann helfen, kostspielige emotionale Entscheidungen zu vermeiden.
Was Staatsfonds längst wissen
Internationale Staatsfonds sowie große skandinavische und niederländische Pensionskassen beschäftigen sich seit vielen Jahren intensiv mit Faktorstrategien. Dort gehört die systematische Nutzung wissenschaftlicher Kapitalmarkterkenntnisse längst zum professionellen Instrumentarium (Ang, Goetzmann und Schaefer, 2009).
In österreichischen Privatstiftungen spielt der Ansatz hingegen bislang eine vergleichsweise geringe Rolle. Dabei sprechen gerade deren langfristiger Anlagehorizont und der Anspruch an eine nachvollziehbare Vermögensverwaltung dafür, sich ernsthaft damit auseinanderzusetzen.
Es geht nicht darum, internationalen Großinvestoren blind nachzueifern. Wohl aber darum, von ihren Erfahrungen zu lernen.
In Generationen statt in Quartalen denken
So überzeugend die Argumente klingen: Faktorinvesting ist keine Gelddruckmaschine. Einzelne Faktoren können manchmal über längere Zeiträume keine Überrendite erreichen. Der Value-Faktor etwa blieb in den Jahren zwischen 2010 und 2020 deutlich hinter den Erwartungen vieler Anleger zurück.
Das ist kein nebensächliches Detail, sondern Teil des Konzepts. Wer Faktorprämien vereinnahmen möchte, muss auch Phasen aushalten können, in denen sich die Strategie nicht auszuzahlen scheint.
Gerade hier könnten Privatstiftungen einen Vorteil haben. Wer in Generationen statt in Quartalen denkt, bringt grundsätzlich gute Voraussetzungen für einen disziplinierten, langfristigen Anlageansatz mit.
Fazit: Die Kristallkugel darf im Schrank bleiben
Faktorinvesting ist weder ein Allheilmittel noch für jede Stiftung automatisch die beste Lösung. Aber es ist ein wissenschaftlich fundierter Ansatz, der eine ernsthafte Auseinandersetzung verdient.
Stiftungsvorstände müssen nicht jedem neuen Anlagetrend folgen. Sie sollten allerdings wissen, welche Erkenntnisse die moderne Kapitalmarktforschung für ihre Verantwortung bereithält.
Denn gute Vermögensverwaltung zeichnet sich nicht dadurch aus, die Zukunft besser vorherzusagen. Sondern dadurch, auch ohne zuverlässige Prognosen fundierte Entscheidungen zu treffen.
Was bedeutet das für Ihre Stiftung?
Wenn Sie erfahren möchten, was Faktorinvesting für die Veranlagung Ihrer Stiftung bedeutet – ob der Ansatz zu Ihrer Anlagerichtlinie, Ihrem Anlagehorizont und Ihren Zielen passt –, dann kontaktieren Sie uns. Wir nehmen uns gerne Zeit für ein unverbindliches und vertrauliches Gespräch.
Über den Autor: Univ.-Prof. Dr. Teodoro D. Cocca ist Professor für Wealth und Asset Management an der Johannes Kepler Universität in Linz und Adjunct Professor am Swiss Finance Institute in Zürich. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Vermögensverwaltung und Anlagestrategien in der Praxis. Weitere Beiträge von Prof. Cocca
Weiterlesen auf stiftung-nextgen.at
- Der Anlageberater des Bundeskanzlers (16.10.2026)
- Überhitzung an der Wall Street? (18.02.2021)
- Vermögensverwaltung und Contrarien-Strategien in Coronazeiten (10.04.2020)
Literatur
- Ang, A. (2014): Asset Management: A Systematic Approach to Factor Investing. Oxford University Press.
- Ang, A., Goetzmann, W. N. und Schaefer, S. M. (2009): Evaluation of Active Management of the Norwegian Government Pension Fund – Global. Bericht an das norwegische Finanzministerium.
- Asness, C. S., Frazzini, A. und Pedersen, L. H. (2019): Quality Minus Junk. Review of Accounting Studies, 24(1), 34–112.
- Asness, C. S., Moskowitz, T. J. und Pedersen, L. H. (2013): Value and Momentum Everywhere. Journal of Finance, 68(3), 929–985.
- Baltussen, G., Swinkels, L. und van Vliet, P. (2021): Global Factor Premiums. Journal of Financial Economics, 142(3), 1128–1154.
- Blitz, D. und van Vliet, P. (2007): The Volatility Effect: Lower Risk Without Lower Return. Journal of Portfolio Management, 34(1), 102–113.
- Carhart, M. M. (1997): On Persistence in Mutual Fund Performance. Journal of Finance, 52(1), 57–82.
- Fama, E. F. und French, K. R. (1992): The Cross-Section of Expected Stock Returns. Journal of Finance, 47(2), 427–465.
- Jegadeesh, N. und Titman, S. (1993): Returns to Buying Winners and Selling Losers: Implications for Stock Market Efficiency. Journal of Finance, 48(1), 65–91.
