Wirtschaft verstehen – von Teodoro D. Cocca
Quelle: OÖNachrichten, Dienstag, 22. September 2026, Seite 4 (Meinung & Menschen)
Bundeskanzler Christian Stocker hat mit seinem Vorschlag für ein „Zukunftsdepot“ für Kinder eine bemerkenswerte Debatte ausgelöst. Die Idee: Eltern sollen von der Geburt ihres Kindes an bis zu 5000 Euro pro Jahr steuerbegünstigt in Wertpapiere investieren können.
Besonders viel Aufmerksamkeit erhielt eine Zahl aus der Modellrechnung. Wer 18 Jahre lang jährlich 5000 Euro einzahlt (insgesamt 90.000 Euro), könnte am Ende über rund 175.000 Euro verfügen. Zugrunde gelegt wurde eine durchschnittliche Rendite von 6,7 Prozent pro Jahr.
Dies wurde von vielen als viel zu hoch gegriffenes, unseriöses Renditeversprechen dargestellt. Der Politikwissenschaftler Peter Filzmaier reagierte im ORF sinngemäß mit der Frage, wo man sechs bis sieben Prozent bekomme, und hätte gerne die Telefonnummer von Stockers Anlageberater.
Rechnen wir also nach. Ein globaler Aktienindex hat in Euro seit 1985 durchschnittlich 9,4 Prozent pro Jahr gebracht. Entscheidend ist für das Zukunftsdepot aber nicht dieser Gesamtdurchschnitt, sondern was in einzelnen 18-Jahres-Abschnitten herauskam. Ein Sparer, der 18 Jahre lang jährlich 5000 Euro einzahlte, kam damit im Schnitt auf 7,5 Prozent pro Jahr und rund 191.000 Euro. In keinem einzigen dieser Zeiträume hätte man Geld verloren: Selbst im schlechtesten einzelnen Zeitraum standen am Ende 96.700 Euro statt der eingezahlten 90.000 Euro. In 99 Prozent der Zeiträume hätte man jedenfalls die Inflation geschlagen.
Natürlich gibt es keine Garantie, und der Auszahlungszeitpunkt kann unglücklich liegen: Wer nach der Finanzkrise (2009 bis 2014) auszahlen musste, lag im Mittel bei immerhin 114.000 bis 157.000 Euro. Ein Portfolio aus 60 Prozent Aktien und 40 Prozent Anleihen erzielte im Schnitt sieben Prozent pro Jahr bzw. rund 182.000 Euro. Dieses Portfolio hat die Inflation in allen Zeiträumen seit 1985 geschlagen, ausnahmslos.
Zum Vergleich: Seit 1990 hat kein einziger 18-jähriger Sparbuch-Sparplan mehr die Inflation geschlagen. Bundeskanzler Stockers Annahme ist damit völlig plausibel. Gerade die Zweifel an den 6,7 Prozent zeigen, wie wenig viele Österreicher über den Aktienmarkt und langfristigen Vermögensaufbau wissen. Eine historisch keineswegs außergewöhnliche Rendite wird bereits als unrealistisch wahrgenommen.
Genau deshalb ist Stockers Grundidee richtig: Kinder sollten früh und einfach Zugang zum Kapitalmarkt bekommen. Eigentlich gilt das aber auch für viele Erwachsene. Die Debatte offenbart einmal mehr in entlarvender Weise, wie groß die Wissenslücken sind – selbst bei Professorenkollegen.
Die Telefonnummer von Stockers Anlageberater können wir uns also sparen. 6,7 Prozent sind kein Geheimtipp – sondern langfristig betrachtet ziemlich gewöhnlicher Kapitalmarkt.
Teodoro D. Cocca ist Professor für Assetmanagement an der JKU.


