Ein persönlicher Blick von Dietmar Schantl-Ransdorf auf MiCA, den europäischen Standort und
die nächste Entwicklungsstufe digitaler Finanzmärkte
In meinen Gesprächen mit Unternehmerfamilien, Stiftungen, vermögenden Privatkunden undinstitutionellen Investoren erlebe ich einen deutlichen Wandel: Digitale Assets werden heute wesentlichdifferenzierter betrachtet als noch vor einigen Jahren.
Die Diskussion dreht sich längst nicht mehr nur um Bitcoin. Immer häufiger geht es um dieInfrastruktur hinter digitalen Vermögenswerten, um Tokenisierung und vor allem um die Frage, wieVermögen künftig in blockchainbasierten Finanzsystemen eingesetzt werden kann.
Dabei stehen für mich zwei Themen besonders im Mittelpunkt: Staking und Decentralized Finance, kurz DeFi.
Beide Bereiche zeigen, was Blockchain-Technologie über den reinen Handel mit Kryptowährungenhinaus leisten kann. Gleichzeitig machen sie sichtbar, wo Europas regulatorischer Rahmen noch nichtmit der technologischen Entwicklung Schritt hält.
MiCA schafft wichtige Grundlagen
Ich halte die europäische Krypto-Verordnung MiCA grundsätzlich für notwendig. Ein professionellerFinanzmarkt braucht klare Regeln, nachvollziehbare Verantwortlichkeiten und einen angemessenenSchutz von Kunden und Marktteilnehmern.
Die aktuelle Krypto-Expertenumfrage von BTC-ECHO und der IU Internationalen Hochschule bestätigt,dass MiCA in wesentlichen Bereichen Fortschritte gebracht hat.
79,6 Prozent der Befragten bewerten den Beitrag zur Rechtssicherheit positiv. 75 Prozent erkennenFortschritte bei der Schaffung einheitlicher Regeln im europäischen Binnenmarkt. Auch beiMarktintegrität und Verbraucherschutz überwiegen die positiven Einschätzungen.
Diese Ergebnisse teile ich. Gerade für langfristig orientierte Investoren ist Rechtssicherheit eineGrundvoraussetzung. Niemand sollte bedeutende Vermögenswerte in Strukturen investieren, derenrechtliche Behandlung, Verwahrung oder Verantwortlichkeiten nicht ausreichend geklärt sind.
MiCA schafft dafür einen wichtigen Rahmen. Doch dieser Rahmen erfasst vor allem zentrale Anbieterwie Handelsplattformen, Broker und Verwahrer. Die nächste Entwicklungsstufe digitaler Finanzmärktefunktioniert teilweise anders.
DeFi passt nicht in klassische Kategorien
DeFi organisiert Finanzdienstleistungen wie Handel, Kreditvergabe, Liquiditätsbereitstellung oderBesicherung über Smart Contracts. Nutzer interagieren direkt mit einem Protokoll, statt einentraditionellen Finanzintermediär zu beauftragen.
Genau hier entsteht das regulatorische Spannungsfeld. Klassische Finanzmarktregulierung setzt meisteine Institution voraus, die zugelassen, kontrolliert und verantwortlich gemacht werden kann. Beitatsächlich dezentralen Strukturen ist eine solche zentrale Stelle nicht immer eindeutig vorhanden.
DeFi braucht daher einen eigenen regulatorischen Ansatz.
Entscheidend sollte nicht sein, ob sich ein Projekt selbst als dezentral bezeichnet. Entscheidend ist, werKontrolle über das Protokoll ausübt, Änderungen vornehmen kann, Gebühren vereinnahmt undwirtschaftlich profitiert. Europa sollte hier stärker funktional denken. Nur so lassen sich Risiken adressieren, ohne innovativeStrukturen vorschnell in ungeeignete Kategorien zu pressen.
Staking bleibt regulatorisch anspruchsvoll
Auch Staking zeigt, wie komplex die Abgrenzung ist. Beim Staking werden Kryptowährungen eingesetzt, um Transaktionen zu validieren und die Sicherheiteiner Proof-of-Stake-Blockchain zu unterstützen. Die daraus entstehenden Vergütungen sind dahernicht einfach mit klassischen Zinsen vergleichbar.
MiCA enthält jedoch keine umfassende eigenständige Regulierung für Staking. Sobald Anbieter Staking-Dienstleistungen für Kunden übernehmen und dabei deren Vermögenswerte verwahren, entstehenzahlreiche praktische Fragen.
Wer trägt technische Risiken? Wie werden Sperrfristen, Ausfälle oder mögliche Verluste behandelt? Wietransparent werden Netzwerkvergütungen weitergegeben? Und wie klar ist die rechtliche Abgrenzungzu anderen Finanzprodukten?
Für Investoren und insbesondere für Stiftungen sind diese Fragen entscheidend. Staking kann eineMöglichkeit sein, digitale Vermögenswerte produktiv in einem Netzwerk einzusetzen. Gleichzeitigentstehen technische, regulatorische und operative Risiken, die mit klassischen Anlageformen nurbedingt vergleichbar sind.
Die Studie bestätigt das Innovationsproblem
Nur 18,2 Prozent der befragten Experten bewerten MiCA hinsichtlich der Innovationsförderung positiv.45,5 Prozent kommen zu einer negativen Einschätzung. Gleichzeitig halten nur 29,6 Prozent die Europäische Union für einen attraktiven Kryptostandort. DieUSA erreichen 84,1 Prozent, die Schweiz 75 Prozent, Asien 70,4 Prozent und die Golfstaaten 68,2Prozent.
Diese Zahlen sollten uns zu denken geben.
Europa hat bewiesen, dass es Krypto regulieren kann. Doch klare Regeln allein schaffen noch keinenattraktiven Innovationsstandort. Regulierung muss auch praktikabel, verhältnismäßig und offen fürneue Geschäftsmodelle sein.
Mein Fazit
MiCA ist ein wichtiger Fortschritt. Die Verordnung schafft Rechtssicherheit, stärkt denVerbraucherschutz und professionalisiert den europäischen Kryptomarkt.
Doch gerade bei DeFi und Staking entscheidet sich, ob Europa nur die bestehende Kryptoindustrieverwaltet oder auch deren nächste Entwicklungsstufe mitgestaltet.
Wir brauchen nicht weniger Regulierung, sondern eine Regulierung, die technologische Unterschiedeversteht, Verantwortlichkeiten sinnvoll zuordnet und gleichzeitig Innovation ermöglicht.
Europa hat gezeigt, dass es Krypto regulieren kann.
Jetzt muss es zeigen, dass unter diesen Regeln auch Zukunft entstehen darf.
Über den Autor:
Dietmar Schantl-Ransdorf – Bitpanda Wealth für die Region Österreich und Schweiz mit Sitz in Wien.
Email: dietmar.schantl@bitpanda.com
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